Kleiner Berg ganz groß

Wer das Thayatal kennt, der kennt ihn natürlich. Und auch Thayatal-Neulingen bleibt er nicht lange verborgen.
Die Rede ist vom Umlaufberg, dem 378 Meter hohen Wahrzeichen des Nationalparks, der von der Thaya – bis auf ein etwa 100 Meter breites Felsband – fast zur Gänze umflossen wird. Warum man ihm einen Besuch abstatten sollte? Das hat zumindest zwei gute Gründe: Zum einen bietet er einen fantastischen Blick auf die umliegenden Wälder und Wiesen und zum anderen wuselt er nur so vor Leben.

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Der Ausblick vom Umlaufberg ist zu jeder Tageszeit einen Abstecher wert!

Die Tatsache, dass der überschaubar große Umlaufberg ein vor Artenvielfalt nur so strotzendes Fleckchen Erde ist, mag viele erstaunen. Der Nationalpark hat es aber spätestens seit dem GEO Tag der Artenvielfalt im Mai 2010 Schwarz auf Weiß. 22 Wissenschaftler aus Österreich und Tschechien schwärmten quer über den Umlaufberg verteilt aus, um sein Artenspektrum genauer unter die Lupe zu nehmen.
Was dabei herauskam? Verblüffte Gesichter selbst bei den Experten. Denn diesen gelang es, auf einer Fläche von gerade einmal 75 Hektar – das entspricht rund 100 Fußballfeldern – sage und schreibe 1188 Tier- und Pflanzenarten nachzuweisen! Und das noch dazu an einem einzigen Tag.

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Am 29. Mai 2010 strömten 22 Wissenschaftler in 9 Untersuchungszonen quer über den ganzen Umlaufberg aus, um sein Arteninventar zu erheben.

Mit von der Partie der entdeckten Arten, waren auch einige Spezialitäten und veritable Überraschungen: Darunter etwa eine neue Flechtenart, die bis dahin nur aus einem anderen Gebiet in den niederösterreichisch-steirischen Kalkalpen bekannt war, ein 5 Millimeter kleiner Rüsselkäfer, dessen Vorkommen sich vor dem 29. Mai auf ein kleines Gebiet in Mähren und der Slowakei beschränkte oder ein anderer Winzling, nämlich eine 6 Millimeter große Reitgraszirpe, die ebenfalls ganz neu für Österreich nachgewiesen wurde.
Für die Besucher des GEO Tags der Artenvielfalt waren freilich jene Tiere, denen man mit freiem Auge leichter auf die Schliche kommt, noch einen Tick spannender. Vor allem die reiche Reptilienfauna tat es Groß und Klein an. Von den insgesamt 6 Arten des Umlaufberges ließen sich bis auf die Zauneidechse, die dem versierten Blick der Forscher entwischte, alle anderen blicken: Äskulapnatter, Ringelnatter, Würfelnatter, Smaragdeidechse und Blindschleiche. Tipp: Um den schillernd grün gefärbten Smaragdeidechsen zu begegnen, muss man nicht unbedingt der Zunft der Wissenschaft angehören, es reicht ein gutes Auge und ein wenig Geduld. Mit etwas Glück lassen sich die bunten Reptilien dann im Bereich des Umlaufberg-Ausblickes bzw. zu seinen Füßen am Schlangenfelsen erspähen.

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Smaragdeidechsen lassen sich gut am Umlaufberg-Ausblick und zu seinen Füßen am Schlangenfelsen beobachten.

Aber was macht den Umlaufberg eigentlich so besonders artenreich? – Die vielen verschiedenen Lebensräume! Wiesen, Wälder, Trockenrasen, Flussufer und Felswände treffen hier aufeinander und bilden gewissermaßen „Verkehrsknotenpunkte“ der Artenvielfalt. Was das heißt? An den Übergangszonen kommt es zum Gipfeltreffen von Tieren und Pflanzen aus den angrenzenden Lebensräumen, sodass die Grenzzone eine größere Artenvielfalt beherbergt als die einzelnen Lebensräume für sich genommen. Eben ein bisschen wie ein Verkehrsknotenpunkt, auf dem sich in Summe mehr Autos tummeln als allein auf den Zubringerstraßen.

Einige Lebensräume stechen aber dennoch hervor: „Neben der Umlaufwiese zählen die beiden Trockenrasen des Umlaufberges zu den artenreichsten Flächen“, sagt Nationalpark-Mitarbeiter Christian Übl. Und das Erstaunliche daran? – Die Trockenrasen sind von allen Umlaufberg-Lebensräumen die kleinsten Flächen. Zudem wirken sie auf den ersten Blick wenig einladend. Trockenrasen zeichnen sich nämlich durch steile Hänge, dünne Bodenschicht, rasch abrinnendes Wasser, hohe Temperaturen und Trockenheit aus. Ob das der Artenvielfalt zuträglich ist? – In der Tat. Gerade die Kargheit sorgt dafür, dass hier viele tierische und botanische Raritäten anzutreffen sind, darunter etwa die Gottensanbeterin, die Bunte Schwertlilie oder das Hohe Perlgras, welches in ganz Österreich nur hier im Thayatal vorkommt.

Trockenrasen sind gerade wegen ihrer Kargheit ein Quell verschiedener Arten, unter ihnen etwa die Bunte Schwertlilie.

Trockenrasen sind gerade wegen ihrer Kargheit ein Quell für verschiedene Arten, unter ihnen etwa die Bunte Schwertlilie.

Wetten, dass Ihr beim nächsten Besuch den Umlaufberg mit ganz anderen Augen betrachtet? :)

Richtig mähen, Artenvielfalt säen

Alle Jahre wieder geben sich Glockenblumen, Margariten, Pechnelken, Wiesenbocksbart und Co. ein Stelldichein auf den Wiesen des NP Thayatal.

Rund 60 Hektar Wiesenflächen finden sich im Nationalpark Thayatal. Ein faszinierender Lebensraum in Miniaturausgabe.

Rund 60 Hektar Wiesenflächen finden sich im Nationalpark Thayatal. Ein faszinierender Lebensraum in Miniaturausgabe.

Ungefähr 60 Hektar Wiesenfläche sind es insgesamt, die vor allem entlang der Thaya ihre Farbpracht entfalten. Dass dies allerdings nur mithilfe des Menschen möglich ist, würde wohl kaum jemand vermuten. Denn in der Tat hängt die Artenvielfalt der Wiese vom regelmäßigen Mähen ab. Bleibt die Mahd aus, setzen sich einzelne konkurrenzstärkere Pflanzen durch, die Wiese wird eintöniger und beginnt sogar zu verbuschen. Mit der Zeit wachsen anstatt bunter Blumen wieder Bäume. Der Wald holt sich gewissermaßen seinen angestammten Lebensraum zurück. Soweit sein gutes Recht, wäre da nicht die Tatsache, dass die Wiese – genauso wie der Wald – ein schützenswerter Lebensraum ist. Genau aus diesem Grund kommen im Nationalpark Thayatal auch die Mähgeräte der Landwirte zum Einsatz.

Wer den Artenreichtum der Wiese erhalten, ja sogar fördern möchte, sollte allerdings ein paar wichtige Mäh-Regeln beachten:

Dazu zählt zunächst einmal der richtige Zeitpunkt. Als Faustregel kann man sich merken, je fetter eine Wiese umso früher, je magerer umso später wird sie gemäht.
Die Begriffe „fett“ und „mager“ bezeichnen dabei übrigens den Nährstoffgehalt einer Wiese. Dieser lässt sich leicht über die Artenzusammensetzung erschließen. Löwenzahn, Wiesen-Labkraut, Wiesen-Storchschnabel, Glatthafer oder Kriech-Hahnenfuß sind typische “Fettwiesenbewohner”. Dagegen sind Magerwiesen eher die Heimat von Echtem Labkraut, Kleinem Knabenkraut, Walliser Schwingel oder Wiesen-Salbei. Sollte die Artbestimmung Schwierigkeiten bereiten, reicht oft auch ein Blick auf die Wiese, um sie einzuordnen. Fettwiesen präsentieren sich meist saftig grün, während Magerwiesen eher einen trockenen, fahlgrünen Ersteindruck vermitteln. Aber nicht in die Irre führen lassen. Gerade an den Magerstandorten gedeihen oft die prächtigsten Pflanzen.
Zurück zum richtigen Zeitpunkt. Wesentlich ist, dass die Blumen und Gräser ihre Samen bereits ausgebildet haben, damit die Vielfalt fürs nächste Jahr gesichert ist. Im NP Thayatal bekommen die Fettwiesen frühestens ab 15. Juni, die Magerwiesen frühestens ab 1. Juli den Balkenmäher zu spüren.

Entscheidend ist auch, wie viel gemäht wird. Es sollte nie die ganze Wiese auf einmal abgemäht werden, sondern immer ein Teil stehen bleiben. Für die zahlreichen Wiesenbewohner stellt die Mahd nämlich einen regelrechten Kahlschlag dar. Damit sie weiterhin Futter und einen geeigneten Rückzugsort finden, brauchen sie grüne Inseln. Ein Fünftel der Fläche – jedes Jahr in einem anderen Bereich der Wiese – hat deswegen im NP Thayatal keinen Nahkontakt mit dem Mäher.

Und schließlich stellt sich die Frage der Häufigkeit. Generell gilt: Fettwiesen, die aufgrund der besseren Nährstoffverfügbarkeit rascher wachsen, können mehrmals im Jahr gemäht werden, Magerwiesen dagegen am besten nur einmal. Genauso hält es auch der Nationalpark Thayatal, magere Standorte einmal, fette Standorte zweimal pro Jahr.

Die letzten Sonnenstrahlen kitzeln die abendliche Umlaufwiese.

Die letzten Sonnenstrahlen kitzeln die abendliche Umlaufwiese.

Nationalpark-Mitarbeiter Christian Übl, verantwortlich fürs Wiesenmanagement, sieht die bisherigen Regelungen weitgehend bestätigt: “Unsere Monitoring-Untersuchungen haben gezeigt, dass die extensive Bewirtschaft hilft, die Artenvielfalt zu erhalten und zu fördern!” Die Wiesen im Thayatal blühen nicht nur bunter, sondern beherbergen auch wesentlich mehr Bienen, Heuschrecken, Schmetterlinge und andere Sechsbeiner. Die wiederum erfüllen wichtige Bestäubungsleistungen oder dienen ihrerseits als Futter für größere Tiere, wie Vögel, Amphibien, Reptilien oder Säugetiere.

Im NP Thayatal Wiesen-Trailer könnt ihr Euch einen Vorgeschmack zum Wiesen-Eldorado im Nationalpark holen:

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Nutzt den Sommer und entdeckt die Pracht der Thayatal Wiesen, wie etwa die Große Umlaufwiese, die Untere und Obere Bährenmühlwiese oder die Einsiedlerwiese!