Was heißt hier “tot”?

„Bei Euch schaut’s aber schon unaufgeräumt aus!“- Wer sich das beim Wandern durch die Thayatal-Wälder denkt, dem sei gesagt: Willkommen in der Natur! Totholz gehört in den natürlichen Zyklus von Werden und Vergehen und ist darüber hinaus überlebenswichtig. Anstatt Totholz würde das Prädikat „Lebendholz“ eigentlich viel besser passen, denn obwohl abgestorbene Bäume selber nicht mehr wachsen, sind sie doch voller Leben. Voller sogar als zu ihren „aktiven Zeiten”!TT_MGraf_00333_c

Warum? – Weil Totholz ein Multifunktions-Kunstwerk ist. Es schafft kurzfristige Verstecke und dauerhafte Behausungen für Eidechsen, Mäuse, Reptilien oder Amphibien. Es fungiert als Buffet für Pflanzen, Pilze, wirbellose Tiere und Insekten, schafft Sitzwarten für Greifvögel und ist das Rohmaterial für neue Brutplätze. Zudem sorgt es als Wasserspeicher für ein angenehm feuchtes Kleinklima und stellt sicher, dass dem Wald die Nährstoffe nicht ausgehen. Keine schlechte Bilanz für etwas, das „einfach nur rumliegt“.

Wer genauer wissen möchte, wie das Totholz den Wald im Gleichgewicht hält und welche Tiere besonders stark darauf angewiesen sind, der sollte sich den Blogbeitrag „Tot, aber voller Leben“ nicht entgehen lassen!

Wer klopft denn da?

Schwarzspecht

Er ist der größte, nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Die Rede ist vom Schwarzspecht. Ihm zu begegnen ist nicht ganz einfach, aber überall dort, wo es alte Bäume, dicke Stämme und reichlich Totholz gibt, kann es ein Zusammentreffen geben. Bei einem Waldspaziergang im Nationalpark Thayatal stehen die Chancen ihm über den Weg zu laufen, richtig gut.
Hier ein paar sachdienliche Erkennungsmerkmale: Kohlrabenschwarz, von der Größe her einer Krähe ähnlich, nur filigraner im Körperbau und mit dem unverkennbar roten Scheitel. Durchgehend rot bei Männchen bzw. bei Weibchen als roter Farbklecks am Hinterkopf ausgeprägt.
Welchen besonderen „Deal“ der Schwarzspecht und seine anderen „klopfenden Kollegen“ mit dem Wald eingangen sind, könnt ihr hier nachlesen.

Die Inventur im Wald

In einem Nationalpark kann sich die Natur frei entwickeln. Was heißt das konkret für das Thayatal? – Es gibt immer mehr Laubbäume und das Totholz im Wald nimmt eifrig zu.

Soweit die Theorie, aber lässt sich das auch hieb- und stichfest beweisen?

Ja, und zwar mit einer „Waldinventur“. Wie das funktioniert? – Nun, man schaut sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an, wie es um den Zustand des Waldes bestellt ist und zehn Jahre später – so der Usus – schaut man erneut hin und stellt fest, was sich über die Jahre alles getan hat.

Im Nationalpark Thayatal gab es 2002 die erste Inventur. Zu diesem Zweck wurden an 412 Punkten verteilt über das ganze Nationalparkgebiet alle Baumarten, inklusive Höhe und Durchmesser erfasst, das Totholz, die Kraut- und Strauchschicht erhoben und auch Daten zu Wildverbiss und Wildtierlosung aufgenommen. „2012, also zehn Jahre später, suchte das Inventur-Team diese Punkte erneut auf, um entsprechende Vergleichswerte zu erhalten“, erklärt Nationalpark-Förster Wolfgang Riener.

In den letzten zehn Jahren ging der Anteil der Nadelbäume deutlich zurück. Der Thayatal-Wald entwicklet

In den letzten zehn Jahren ging der Anteil der Nadelbäume deutlich zurück.

Und wie hat sich der Wald in den letzten Jahren entwickelt?
Die erste Erkenntnis lautet – wenig überraschend: Die Nadelbäume haben deutlich abgenommen. 50 Prozent weniger Fichten, 45 Prozent weniger Kiefern und 13 Prozent weniger Lärchen. Wenig überraschend deswegen, weil der Nationalpark Thayatal gezielte Renaturierungsmaßnahmen durchführte, um ehemalige Wirtschaftswälder – vor allem Fichtenreinbestände -  in die für das Thayatal typische Waldvegetation überzuführen. Und diese ist vor allem durch Laubbäume bestimmt. Das bestätigte auch die Inventur, denn Fichte, Kiefer und Co. verjüngen sich kaum mehr. Lag der Anteil an aufkommenden Jungbäumen 2002 noch bei 1 Prozent, so sind es 2012 nur mehr 0,4 Prozent „Nadelbaum-Nachwuchs“.
„Das ist ein verschwindend kleiner Anteil. Die Entwicklung geht eindeutig in Richtung Laubbäume“, sagt Wolfgang Riener. Und diese können durchaus stattliche Maße annehmen. Die größte Rotbuche des Nationalparks etwa hat einen Brusthöhendurchmesser von 115 Zentimetern und streckt ihre Zweige bis in 40 Meter Höhe aus. Nicht schlecht.

"Die Inventur bestätgt", sagt Nationalpark-Förster Wolfgang Riener, "dass die Entwicklung des Thayatal-Waldes eindeutig in Richtung Laubbäume geht."

“Die Inventur bestätgt”, sagt Nationalpark-Förster Wolfgang Riener, “dass die Entwicklung des Thayatal-Waldes eindeutig in Richtung Laubbäume geht.”

Also, die erste „Theorie“ wäre damit bewiesen. Wie sieht es mit der zweiten aus, wie steht es um das Totholz? Außerordentlich gut, lautet auch hier die Antwort der Inventur. Die Totholzmenge, stehend wie liegend, hat sich über den Verlauf der zehn Jahre mehr als verdoppelt! Und auch die Flächen, auf denen Totholz zu finden ist, haben sich merklich ausgebreitet. „Was uns besonders freut, ist die Tatsache, dass der Anteil an großem, stärkeren Totholz zugenommen hat“, erklärt der Nationalpark-Förster. Während 2002 nur 10 Prozent der toten Bäume einen Stammdurchmesser von mehr als 30 Zentimeter aufwiesen, waren es 2012 bereits 30 Prozent. Warum die Größe zählt? „Spechte sind wichtige Höhlenbauer im Wald, nicht nur für sich selber, sondern auch für zahlreiche andere Tierarten wie Fledermäuse oder Wildbienen. Damit sie diese Funktion erfüllen können, muss das stehende Totholz auch eine gewisse Dicke haben“, sagt Wolfgang Riener.

Besonders erfreulich ist, dass vor allem der Anteil des stärkeren Totholzes zunimmt.

Besonders erfreulich ist, dass vor allem der Anteil des stärkeren Totholzes zunimmt.

Der Nationalpark ist also auf dem richtigen Weg. Das wussten wir natürlich schon längst, aber mit der Inventur haben wir es jetzt schwarz auf weiß!

Tot, aber voller Leben

„Bei Euch schaut’s aber schon unaufgeräumt aus, findet Ihr nicht?“ – Nein, finden wir nicht! Denn, was scheinbar „unordentlich“ aussieht, ist einfach das freie Walten der Natur. Und der Zerfall ist ein ganz natürlicher Teil davon, ja er ist sogar überlebenswichtig!

Absterbende Bäume werden unter dem Begriff Totholz zusammengefasst. Dabei müsste es viel eher „Lebendholz“ heißen, denn obwohl diese Bäume nicht mehr wachsen und gedeihen, sind sie nach wie vor voller Leben. In der Tat, tut sich in und auf ihnen sogar mehr als zu ihren „aktiven Zeiten“.

Unordentlich? - Nein. Vielfältig!

Unordentlich? – Nein. Vielfältig!

Kreuz und quer liegende Baumstrünke, Ästewirrwarr, tote stehende Baumgerippe. – Wozu sind sie gut?
Sie schaffen Ecken und Nischen, in denen sich Tiere kurzfristig verstecken können oder dauerhafte Behausungen einrichten. Eidechsen, Mäuse, Reptilien und Amphibien ziehen sich gerne in liegendes Totholz zurück. Ein besonderer Langzeitgast ist der Hirschkäfer. Seine Larve braucht bis zu sieben Jahre, um sich im toten Eichenholz zum fertigen Käfer zu entwickeln.

Bis ein stattlicher Hirschkäfer entsteht, ist es ein langer Weg. Totes Eichenholz ist die Grundvoraussetzung.

Bis ein stattlicher Hirschkäfer entsteht, ist es ein langer Weg. Totes Eichenholz ist die Grundvoraussetzung dafür.

Sie schaffen aber auch einen reich gedeckten Tisch, der an der Basis aus Pflanzen, Pilzen, wirbellosen Tieren und einer Vielzahl an Insekten besteht. Dieses breite Nahrungsangebot lockt weitere Tiere in das „All-Inclusive“ Hotel Totholz.
Sie schaffen Sitzwarten, von denen Greifvögel gerne den Waldboden nach Beutetieren überblicken.
Und sie schaffen auch neue Brutplätze. Während sich Amseln, Zaunkönig oder Nachtigall im herumliegenden Totholz tummeln, sind viele Vögel auf Bruthöhlen in stehenden Alt- und Totholzbäumen angewiesen. Interessanterweise können aber nur die wenigsten selber eine Höhle anlegen, obwohl es sich bei gut einem Drittel der Vögel im Wald um Höhlenbrüter handelt. Was also tun? – Abhilfe kommt in Form der Spechte, wahre Totholzspezialisten.
Aus dem Totholz beziehen sie einerseits ihre Nahrung, saftige Insekten und deren Larven wie Ameisen oder Käferlarven, andererseits zimmern sie sich daraus ihre Bruthöhlen. Nicht mehr genutzte Spechthöhlen finden in der Folge reißenden Absatz bei Eulen wie dem Raufußkauz oder dem Waldkauz, bei Meisen, aber auch bei Säugetieren wie Fledermäusen und Siebenschläfern oder Insekten wie Wildbienen oder Wespen. Die Liste der Specht-Profiteure ist lang.
Aber alle hängen sie von einem gemeinsamen Nenner ab, dem Totholz.

Auch sie profitieren vom Totholz. Aufgelassene Spechthöhlen dienen ihnen als Rückzugsort.

Auch sie profitieren vom Totholz. Aufgelassene Spechthöhlen dienen den Siebenschläfern als Rückzugsort.

Abseits der sichtbaren tierischen Vielfalt, erfüllt das Totholz darüber hinaus wichtige Aufgaben für das Ökosystem Wald.
Es sorgt für ein angenehm feuchtes Kleinklima, indem es beträchtliche Mengen Wasser speichert und langsam wieder an die Umgebung abgibt. Und es sorgt für ständigen Nährstoffnachschub. Saprophytische Pilze ernähren sich vom Totholz und zersetzen es sukzessive in seine Bestandteile, bis nur noch Kohlenstoff, Stickstoff und mineralische Elemente übrigbleiben. Sie warten im Waldboden darauf, von einer neuen Pflanze über die Wurzeln aufgenommen zu werden und wachsen vielleicht wieder zu einem stattlichen Baum heran. Irgendwann wird auch dieser wieder zerfallen. Keine Tragik, sondern vielmehr Grund zur Freude. Vorausgesetzt, das Totholz darf liegenbleiben!

Totholz sorgt nicht nur für Artenvielfalt, sondern speichert auch Wasser und dient als Nährstoffspeicher.

Totholz sorgt nicht nur für Artenvielfalt, sondern speichert auch Wasser und dient als Nährstoffreservoir.

Warum schaut’s bei Euch unaufgeräumt aus?

Eine provokante Frage ;)
Nationalpark Förster Wolfgang Riener hat darauf eine gute Antwort: “Oft heißt es, das muss ein fauler Förster sein. Bei uns dürfen die Bäume aber absterben. Totholz ist nämlich enorm wichtig, es speichert Nährstoffe, die wieder an den Boden zurückgegeben werden und damit auch an die neue Generation. Und das Totholz ist ein wichtiger Faktor für das Kleinklima im Wald. Es kann Wasser speichern und wieder abgeben und ist ein großer Lebensraum für Tiere. Die Larve des Hirschkäfers beispielsweise braucht bis zu sieben Jahre im toten Eichenholz. Wenn es kein totes Eichenholz gibt, dann wird es auch keinen Hirschkäfer geben.”

Nationalparkförster Wolfgang Riener

Totholz

Totholz

Hirschkäfer