Wer trällert denn da?

Was schätzt ihr, wie viele Vogelarten in Österreich gesanglich begabt sind?
– Wir verraten es euch, rund 120. So viele Singvogelarten tummeln sich bei uns. Und damit ihr Euch bei euren ersten Wanderungen im Frühjahr leichter tut, ein paar gängige Arten allein am Gesang voneinander zu unterscheiden, haben wir für Euch eine kleine Gesangsstunde vorbereitet.

Rotkehlchen gehören zu den ganz großen Sängern unter den Singvögeln.

Rotkehlchen gehören zu den ganz großen Sängern unter den Singvögeln.

Zilpzalp, Blau- und Kohlmeise, Amsel und Rotkehlchen geben einige ihrer Trällerer zum Besten. Der Gesang der kleinen Zwitscherer ist strophenartig aufgebaut und oft sehr variantenreich. Je nach Notwendigkeit – Gefahr, Partnersuche, Revierverteidigung – kann sich das Zwitschern anders anhören. Aber irgendwo muss man ja anfangen, also starten wir am besten mit dem Aufbaukurs “Kleine Vogelstimmenkunde” :)  

Wer seine Gesangeskünste gleich testen möchte, ist beim Ausflug „Im Reich des Seeadlers“ am 21. Mai genau richtig. Unterwegs mit einem Ranger  lauschen wir all jenen typischen Vogelarten, die den Frühjahrswald mit ihren stimmlichen Darbietungen zum Klingen bringen. Und mit etwas Glück schaut vielleicht auch der Seeadler vorbei. Singen – so viel sei verraten – wird er allerdings nicht ;)

Kleine Vogelstimmenkunde

Beim Zilpzalp ist der Name Programm, denn der Gesang des kleinen olivgrünen Laubsängers setzt sich mit etwas Vorstellungskraft aus diesen beiden Silben, mal höher mal tiefer vorgetragen, zusammen.

Etwa 120 Singvogelarten gibt es in Österreich. Um die Arten voneinander zu unterscheiden, braucht man sie aber gar nicht zu sehen. Im Dickicht des Waldes ist es ja sowieso schwierig einen kleinen Singvogel, der von einem Ast trällert mit dem Auge auszumachen. Trällern ist das Stichwort. Denn man sieht sie vielleicht nicht immer, dafür hört man sie  – vor allem im Frühjahr während der Balz – umso besser.

Eine Kohlmeise setzt zum Balzgesang an.

Eine Kohlmeise kann lauter trällern als eine Blaumeise. Warum? Es liegt an der Körpergröße.

Aber keine Bange, wir verschonen Euch mit Tonbeschreibungen à la „kjäck“, „klü-klü-klü“, „tschriü“ oder „zilipp“, sondern lassen Euch gleich selbst reinhören und vielleich bald zu wahren Vogelstimmenkennern werden.
Fällt Euch etwa der Unterschied zwischen Blau- und Kohlmeise auf?
Blaumeise:

Kohlmeise:

Die Blaumeise ist mit knapp 12 Zentimetern Körperlänge und einem Gewicht von maximal 12 Gramm etwas kleiner als die gut 14 Zentimeter große und rund 19 Gramm wiegende Kohlmeise. Dieser Größenunterschied macht sich gesanglich bemerkbar, d. h. die Kohlmeise kann lauter zwitschern. Aber wer nicht den direkten Vergleich hat, tut sich vielleicht dennoch schwer. Bestimmte Strophenteile klingen einander nämlich zum Täuschen ähnlich.

Apropos Strophen. Ja, genau der Gesang der kleinen Zwitscherer ist strophenartig aufgebaut und oft sehr variantenreich. Es reicht also meist nicht, sich eine einzige Tonfolge einzuprägen, denn je nach Situation – bei Gefahr, bei der Partnersuche oder dem Verteidigen des Reviers – wechselt der Gesang. Übrigens sind die gesanglich begabtesten Vögel meist jene, die auch ein ausgeprägtes Territorialverhalten an den Tag legen. Komplexe Sänger wie etwa Singdrosseln, Amseln oder Rotkehlchen geben sich meist aggressiver und weniger gesellig als Singvögel, die über ein einfacheres Gesangsrepertoire verfügen.

Doch egal ob komplex oder einfach, der Gesang ist den Vögeln nicht angeboren. Sie müssen ihn durch Imitieren ihrer Artgenossen erlernen.
Wahre Imitationskünstler sind die Amseln.

Amseln können Umgebungsgeräusch ein ihren Gesang einbauen.

Amseln können Umgebungsgeräusche in ihren Gesang einbauen.

Sie sind sogar dazu in der Lage Umgebungsgeräusche – mitunter auch ganz untypische – in ihren Gesang einzubauen. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es eine englische Amsel gebracht, die sich in einem Garten niedergelassen hat und den Besitzer jeden Morgen pünktlich um Viertel vor fünf mit der perfekten Nachahmung einer Krankenwagensirene weckt.

Ähnliche Meisterleistungen sind von Rotkehlchen dagegen nicht bekannt. Doch auch sie zählen zu den ganz großen Gesangskünstlern der heimischen Vogelwelt. An und für sich versteckt im Dickicht von Sträuchern lebend, trauen sich die Rotkehlchen zum Singen etwas höher und exponierter zu sitzen, um ihren lieblich flötenden Gesang zum Besten zu geben.

Rotkehlchen gehören zu den ganz großen Sängern unter den Singvögeln.

Rotkehlchen gehören zu den ganz großen Sängern unter den Singvögeln.

Wer nun Lust bekommen hat, mehr von den heimischen Zwitscherern zu hören, sollte am besten selbst einen Spaziergang durch den Nationalpark Thayatal unternehmen.

Wen ihr neben Zilpzalp, Blau- und Kohlmeise, Rotkehlchen und Amsel noch aller hören könntet?
Feldsperling, Bachstelze, Feldlerche, Buchfink, Ringeltaube, Sperber, Kernbeißer, Tannenmeise, Sumpfmeise, Singdrossel, Rabenkrähe, Buntspecht, Kleiber, Star, Grünspecht, Goldammer, Grünfink, Hausrotschwanz.

Bunte Lockmittel

Wenn es in Richtung Herbst geht, stellt sich nicht nur bei den Blättern viel Farbe ein, sondern auch bei den Früchten. Während bei den Blättern die Farbe eigentlich keine wesentliche Funktion hat, weil lediglich ein Nebenprodukt des Chlorophyll (= Blattgrün) -Abbaus, verfolgen die Früchte durchaus eine Strategie. Wenn sie denken könnten, wäre ihre Mutmaßung: „Im Frühling klappt das mit den bunten Blüten, dann muss das doch jetzt auch funktionieren!“

Und sie haben recht. So wie etwa der Spindelstrauch oder – viel besser zu merken – das Pfaffenhütchen. Genau, der Name kommt von der Ähnlichkeit mit so mancher Kopfbedeckung geistlicher Würdenträger und spielt auf die auffälligen purpurrosa Kapseln an, die sich aus den davor recht unscheinbaren grün-weißlichen Blüten des Pfaffenhütchens entwickelt haben.
In der Kapsel verbergen sich ein bis vier Samen. Wobei „verbergen“ nicht so wirklich der richtige Ausdruck ist. Denn die Samen hängen an verlängerten Stielchen aus der Kapsel heraus und mit ihrem fleischigen, auffällig orange gefärbten Samenmantel, betreiben sie alles andere als Understatement. „Hier sind wir!“, schreien sie bunt in den Wald.

Aus der purpurrosa Kapsel hängen sie verführerisch heraus. Ein bis vier Samen, jeweils umgeben von einem fleischigen, orange leuchtenden Samenmantel machen Rotkehlchen, Drosseln und Co. auf sich aufmerksam.

Aus der purpurrosa Kapsel hängen sie verführerisch heraus. Ein bis vier Samen, jeweils umgeben von einem fleischigen, orange leuchtenden Samenmantel machen Rotkehlchen, Drosseln und Co. auf sich aufmerksam.

Und es dauert nicht lange, bis sich die ersten Gäste einfinden. Rotkehlchen und Drosseln beispielsweise haben es auf den leckeren Samenmantel abgesehen. Den Samen selber fressen sie nicht, der fällt zu Boden und liegt erst mal ab. Denn frühestens nach drei bis vier Jahren keimt er aus. Aber dank seines bunten Samenmantels hat er überhaupt erst die Gelegenheit dazu!

PS: So schön die Pflanze auch leuchtet, für Menschen ist sie nicht empfehlenswert. Alle Teile des Pfaffenhütchens, vor allem die Samen, sind für uns giftig. Aber schauen schadet nicht :)