Pirsch zum Hirsch

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Im Nationalpark Thayatal einem Rothirsch zu begegnen ist nicht unmöglich, aber dennoch schwierig. Warum? Nationalpark-Förster Wolfgang Riener erklärt uns den Grund: „Die Rothirsche ziehen bei uns herum, leben aber nicht dauerhaft auf dem Gebiet des Nationalparks, einfach weil es dafür zu klein ist.“
Wenn ihr herausfinden wollt, wie es kommt, dass die ehemaligen Bewohner von Steppenlandschaften nun im Wald leben, warum es zu Verbiss kommt, wann dieser erwünscht ist und wann nicht – aus unserer Perspektive freilich – und in welchen Wäldern sich Rothirsche besonders wohl fühlen, dann solltet ihr euch diesen Blogbeitrag zu Gemüte führen: Wo ist der Hirsch?

In die Falle getappt!

Unauffällig sehen sie auf den ersten Blick aus. Dennoch erregen sie intensives Interesse. Woran das liegt? – Mit Sicherheit an der speziellen Duftnote!
20 hüfthohe Holzpflöcke finden sich verteilt über das Nationalpark-Gebiet. Besprüht mit Baldriantee und bestückt mit je einem Plastikröhrchen, das getrockneten Baldrian enthält, werden sie zu regelrechten „Duft-Leuchttürmen“.
Seit bald zehn Jahren stehen die Lockstöcke im Dienste der Wissenschaft. Ihre Mission: Europäische Wildkatzen anlocken. Betört vom Baldrian reiben sie sich am rauen Holz und hinterlassen im Idealfall einige ihrer Haare. Eine genetische Analyse gibt dann Aufschluss darüber, ob es sich tatsächlich um eine Wildkatze handelt. Bisher gelangen auf diese Weise bereits zwölf Nachweise von mindestens drei verschiedenen Wildkatzen.
Der Baldrian scheint aber nicht nur auf Katzen eine anziehende Wirkung auszuüben. Die Wildkameras vis-à-vis der Lockstöcke können davon ein Liedchen singen. Während es die Wildkatzen irgendwie schaffen, diese Fotofallen auszutricksen, geben sich andere Tierarten weit weniger kamerascheu. Ganz im Gegenteil, ein Hirsch war vom Baldrian so angetan, dass er gleich ordentlich zulangte! Hier geht’s zum Video:
Baldrian_Hirsch
Rothirsch

Im Prinzip hat schon das ganze „Who is Who des Thayatals“ den Lockstöcken einen Besuch abgestattet. Fuchs, Reh, Dachs, Marder, Biber, Eichhörnchen. Sie alle und noch viele andere haben schon mal geschnuppert, ihr Revier markiert oder den Stock zum Klettern genutzt.
Der Siebenschläfer hätte wohl auch gerne eine Kletterpartie mitgemacht. Aber dazu kam es nicht mehr. Ein Baummarder hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und die Fotofalle hat den Beweis.

Baummarder mit Siebenschläfer-Beute ist ein seltener Anblick. Nur durch die Fotofalle sind solche Momentaufnahmen aus der Natur möglich.

Baummarder mit Siebenschläfer-Beute ist ein seltener Anblick. Nur durch die Fotofallen sind solche Momentaufnahmen aus der Natur möglich.

Wer hat schon jemals einen Baummarder zu Gesicht bekommen, geschweige denn mit einem Siebenschläfer als Beute? Genau aus diesem Grund sind Wildkameras ein wertvolles Naturschutzinstrument. Denn sie geben einen Einblick in das, was geschieht, wenn der Mensch abwesend ist und vielleicht gerade schlummert.

Wer spaziert schon um 3:54 durch den Wald? Wir nicht, aber der Fischotter. Am Baldrian dürfte der nachtaktive Marder, dessen Leibspeise natürlich Fisch ist, allerdings nicht interessiert sein.

Ein Spaziergang gefällig? Nachtaktive Räuber wie der Fischotter sagen dazu gerne Ja.

Ein Spaziergang gefällig? Nachtaktive Räuber wie der Fischotter sagen dazu gerne Ja.

Auch wenn ihre Wühlspuren im Thayatal häufig zu finden sind, blicken lassen sich Wildschweine nur selten. Von der Wildkamera, hingegen, fühlen sich die Frischlinge – die ihre typische Zeichnung etwa ein halbes Jahr behalten – nicht gestört. Sie darf den Kleinen beim Spielen zusehen.

Ein Trupp Frischlinge hat einen Lockstock zum Spielplatz auserkoren.

Ein Trupp Frischlinge hat einen Lockstock zum Spielplatz auserkoren.

Und auch einem Schwarzstorch kann nur die Fotofalle so nahe kommen. Im Hochsommer 2010 – während seines „Sommerurlaubs im Thayatal“, schien er, wie schon viele vor ihm,  Gefallen an dem Stück Holz mit dem intensiven Duft zu finden.

Lockstock Tête-à-tete mit Schwarzstorch.

Lockstock tête-à-tete mit Schwarzstorch.

Aber was ist nur mit der Wildkatze? Irgendwann muss doch auch sie einmal in die Fotofalle tappen. Ein paar höchst verdächtige Bilder aus dem Fugnitztal gibt es in der Tat, aber leider sind auf den Fotos nie alle wichtigen Merkmale auszumachen. Restlos sicher sind sich die Experten deswegen nicht. Aber seht selber.

Ob es sich bei diesem Fotofallen-Bild aus dem Fugnitztal eindeutig um eine Wildkatze handelt, das können die Experten nicht sagen.

Ob es sich bei diesem Fotofallen-Bild aus dem Fugnitztal eindeutig um eine Wildkatze handelt, das können die Experten nicht sagen.

Aber es sieht schon verdächtig nach Wildkatze aus…

Die Wildkameras liegen auf jeden Fall weiterhin auf der Lauer, um all das zu dokumentieren, was uns ansonsten entgehen würde.

Wo ist der Hirsch?

Im Nationalpark Thayatal ist „er“ immer wieder mal da. Eine richtige Population gibt es aber nicht. „Das Thayatal ist ein Rotwildrandgebiet. Die Rothirsche ziehen herum, leben jedoch nicht dauerhaft im Gebiet, einfach weil es dafür zu klein ist“, sagt Nationalpark-Förster Wolfgang Riener.

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Dieser Hirsch wandert von der tschechischen Seite durch die Thaya in den österreichischen Nationalpark.

Rothirsche werden auch als Rotwild bezeichnet. Das weibliche Rotwild ist die Hirschkuh und das männliche Rotwild ist der Hirsch. Auch wenn Rothirsche im Thayatal nicht häufig anzutreffen sind, in früheren Zeiten dürften sie einige der Thayatal-Wiesen als Brunftplätze genutzt haben. Und hie und da scheint es auch heute noch den einen oder anderen brünftigen Hirsch auf eine Wiese entlang der Thaya zu locken. Im Blogbeitrag „Geräusche der Nacht“ könnt ihr reinhören, wie es sich anhört, wenn ein Hirsch im September durch den Thaya-Canyon röhrt.

Die Zeit der Brunft ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei der man das Rotwild auf offener Fläche zu Gesicht bekommt. Ansonsten lebt es meist verborgen im Wald. Allerdings erst seit „Neuestem“. Ursprünglich haben sich Rothirsche ganz und gar nicht im Wald aufgehalten, sie waren vielmehr Bewohner von Steppen- und Offenlandschaften. Erst der Mensch hat sie in den Wald gedrängt und dazu gebracht von einem tagaktiven Dasein zu einem nachtaktiven zu wechseln.
Und seit der Mensch eifrig in das Landschaftsbild eingreift, sind auch die längeren Wanderungen, die die Rothirsche einst unternommen haben, Geschichte. Früher verbrachten sie den Winter in den Auen und den Sommer in den Bergen. Heute sind solche Wanderschaften nicht mehr denkbar, es sei denn die Tiere würden die Autobahn nehmen.
Sie stecken nun gewissermaßen in den Bergen fest, wo es allerdings im Winter kaum Nahrung für die Pflanzenfresser gibt. Deshalb tun sie sich vermehrt an den Rinden von Bäumen gütlich, womit Waldbesitzer wiederum keine große Freude haben. Um den winterlichen Verbiss zu verringern, werden die Rothirsche deshalb gefüttert und teilweise sogar in sogenannten Wintergattern, die mehrere Hektar groß sein können, eingesperrt.

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Wanderungen von den Auen in die Berge und umgekehrt sind heutzutage nicht mehr möglich.

Doch Verbiss ist nicht gleich Verbiss. Mitunter kann er sogar erwünscht sein, wie Wolfgang Riener anmerkt: „Im Bereich der Trockenrasen ist es in der Tat positiv, wenn das Rotwild aufkommende Bäume abbeißt und so das Verbuschen der Trockenrasen verhindert.“
Sie dabei in flagranti zu erwischen, wird aber schwierig. Denn sie sind scheu und haben eine ausgezeichnete Nase, die potenzielle Feinde bereits aus großer Entfernung erschnüffelt – vorausgesetzt der Wind steht richtig.
Apropos Wind, im Winter ist es für die Rothirsche besonders wichtig, möglichst wenig dem Wind ausgesetzt zu sein. In dichten, windgeschützten Nadelwäldern fühlen sie sich in der Regel wohler als in Laubwäldern, die im Winter wenig Windschutz bieten. Dafür liefern Laubwälder den Hirschen aber Nahrung wie Eicheln oder Bucheckern. „In erster Linie versuchen die Tiere im Winter Energie zu sparen, das lässt sich etwa in Tal- und Kessellagen, wo es im Vergleich zu exponierten Standorten wärmer ist, ganz gut bewerkstelligen“, ergänzt der Nationalpark-Förster.
Insofern könnte man also doch einmal Glück haben und an den Ufern der Thaya auf einen stattlichen Hirsch stoßen, der sich gerade am Wasser des Flusses labt. Selbiges friert nämlich wegen der konstanten Wassertemperatur um die 4°C auch im Winter nicht ein.

Morgendliche Stärkung

In der Morgendämmerung hielten Marc und ich Ausschau nach “Frühaufstehern” (abgesehen von uns selber). Das Röhren der brünftigen Hirsche noch in guter Erinnerung (siehe & höre Blogeintrag “Geräusche der Nacht”), hofften wir darauf, möglicherweise einen von ihnen zu Gesicht zu bekommen.

In jedem Fall begann der Tag spektakulär. Ein Uhu flog seelenruhig knappe drei Meter über unseren Köpfen vorbei – wir befanden uns auf einem Felsvorsprung gut 300 Meter über der Thaya. Hätten wir nicht nach oben gesehen, er wäre uns glatt entgangen, so leise bewegen sich diese stattlichen Eulen.
Bei Tierbeobachtungen ist Rundumblick gefragt!

Unter uns mäandrierte währendessen die Thaya. Das satte Grün des Wasserhahnenfußes (die weißen Blüten sind – Mitte September -  teils noch zu sehen) hat sich in Richtung olivgrün, braun gewandelt. Schon wollten wir unseren Platz am Felsvorsprung verlassen und im Wald nach morgendlich aktiven Tieren Ausschau halten, da fiel uns erst auf, dass sich etwas im Wasser der Thaya bewegte.
Ein junger Hirsch frühstückt Wasserhahnenfuß! Dass der giftig ist, dürfte ihn nicht stören genausowenig wie unsere Kamera. Denn die ist weit genug entfernt. Nur mit Teleobjektiv, das wie ein Fernglas den Hirsch sozusagen “heranholt”, kommt Marc nah genug an den Nachwuchs-Röhrer dran.
Zuerst gehört (siehe “Geräusche der Nacht”), dann gesehen :-) … wobei dieser Kollege wohl noch nicht ganz so weit ist, um dem Platzhirsch seinen Posten streitig zu machen.

Geräusche der Nacht

Sobald die Dämmerung hereinbricht, kommt es in der Natur zur Wachablöse … die Nachtgarde kann sich “hören” lassen!
Bei unseren Fototouren durch den Nationalpark Thayatal stellen Marc und ich immer wieder fest, wie lebendig der Wald in der Nacht wird.

Plötzlich beginnt es in einem Busch zu rascheln, im Geäst der Bäume knackst es, ein Uhu schreit in der Ferne. Hinter uns bewegt sich etwas staksend auf der Lichtung und bleibt abrupt stehen. Ein Reh vielleicht? Hat es unseren fremdartigen Geruch ausgemacht?
Die Augen, sonst sowieso im Dauereinsatz, haben endlich mal Pause. Im Dunkeln sitzend, erhellt nur vom zarten Licht der Sterne, übernehmen die Ohren das Kommando. Und die müssen sich in diesen Septembernächten gar nicht erst groß anstrengen, denn einige Nachtschwärmer tun ihre Anwesenheit lautstark kund. Das tiefe, raue Röhren der brünftigen Rothirsche lässt meine Augen – trotz Dunkelheit – groß werden. Mindestens ein Hirsch auf österreichischer Seite kommuniziert mit seinem “Kollegen” auf tschechischer Seite. Wobei es klingt nicht wirklich danach, als würden die beiden ein Treffen vereinbaren wollen. Die Message ist viel eher: “Hier bin ich der Chef!”
Eine Hörprobe gefällig?
Brunft