Natur ohne Grenzen

Der Eiserne Vorhang, der Ost- von Westeuropa trennte, ist längst Geschichte. Anstelle von Trennung ist ein Miteinander getreten. Wie völkerverbindende Naturschutzarbeit im Grenzbereich aussieht, das könnt ihr euch in einem 8-minütigen Film ansehen! Entstanden ist er vor 3 Jahren, als sich der Fall des Eisernen Vorhangs zum 25. Mal jährte. – Wer euch durch den Film begleitet? Der ehemalige NP Thayatal Direktor Ludwig Schleritzko und der neu ernannte Nationalpark Direktor Christian Übl.
Die beiden erzählen über positive Entwicklungen in der Natur, Kooperationen mit den tschechischen Nachbarn und Pläne für die Zukunft. Darüber hinaus gibt der Film Einblicke in die faszinierende Natur des in Mitteleuropa einmaligen Thayatals.

25 Jahre Natur ohne Grenzen from Nationalpark Thayatal on Vimeo.

Die Zeit heilt alle Wunden

Der Stacheldrahtzaun des Eisernen Vorhangs, der sich viele Jahrzehnte quer durch Europa und auch entlang des Thayatals zog, ist zwar längst Vergangenheit, doch es lohnt sich hie und da einen Blick zurückzuwerfen. Warum? Um sich zu erinnern, was man ganz bestimmt nicht wiederholen möchte.
Bilder zeigen das Vorher und Nachher am deutlichsten.

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Auf dem linken Bild – kurz nach dem Fall des Vorhangs – sind die Narben in der Landschaft noch deutlich erkennbar. Auf dem Bild rechts dagegen lässt die Vegetation kaum noch darauf schließen, was sich hier vor einigen Jahrzehnten abgespielt hat. Die Aufnahmen stammen aus dem Nationalpark Podyjí.

Habt auch ihr noch Aufnahmen aus dieser dunklen Phase Europas? Vielleicht sogar vorher/nachher Aufnahmen? Wir würden uns freuen, wenn ihr diese mit uns teilen möchtet!

Mehr vorher/nachher Bilder findet ihr in diesem Blogbeitrag: Im Wandel der Zeit.

Schwarzstorch gesucht!

Schwarzstörche sind richtig anspruchsvoll. Ihre Brutplätze legen sie im Inneren geschlossener Wälder an. Ein wenig aufgelichtet sollte die Stelle aber schon sein, damit die Vögel mit ihrer bis zu zwei Meter großen Flügelspannweite den Horst überhaupt anfliegen können. Außerdem muss sich der Horst aus flugtechnischen Gründen im oberen Bereich eines Hanges oder an den höchsten Ausläufern eines Tales befinden. Denn früh am Morgen fliegen die Störche im Gleitflug – ohne Flügelschlag – zu ihren Nahrungsgründen an der Thaya. Am Vormittag nutzen sie dann die Thermik für den „Wiederaufstieg“ und den kreisenden Segelflug, mit dem sie ihr Revier anzeigen.

Auf Futtersuche entlang der Thaya.

Auf Futtersuche entlang der Thaya.

Diese Ansprüche machen es nicht gerade leicht, wenn man sich auf Schwarzstorch-Suche begibt, wie momentan im Nationalpark Thayatal. Seit Ende März läuft eine Studie, die herausfinden will, wie viele Schwarzstörche sich auf Nationalpark-Gebiet aufhalten und für Nachwuchs sorgen. Gerade erst in der vergangenen Woche fand dazu eine gemeinsame Zählung des NP Thayatal und des NP Podyjí statt: „Leider war es der denkbar schlechteste Tag in der Saison, um Thermiksegler wie den Schwarzstorch ausfindig zum machen“, sagt Zoologe Jürgen Pollheimer, der die Studie leitet. Eine Beobachtung gab es dann doch, direkt in Hardegg.

Aber die Untersuchung hängt ja nicht an einem einzigen Tag. „Wir wissen bereits, dass es auf dem Gebiet der beiden grenzüberschreitenden Nationalparks mindestens 4, wahrscheinlich sogar 5 oder 6 Brutpaare gibt“, fährt der Zoologe fort. Der Bestand gilt als stabil. In den letzten Jahren konnten immer wieder einzelne besetzte Horste gefunden und konkrete Bruten nachgewiesen werden. 2014 fehlt ein eindeutiger Brutnachweis noch, aber viele Indizien weisen darauf hin.
Schon häufig konnten das Team von Jürgen Pollheimer sowie Ranger und Naturfreunde  die Schwarzstörche im NP Thayatal heuer sichten, und zwar paarweise. Die bekannten Horste sind 2014 aber erstaunlicherweise nicht besetzt.
Warum? – Jürgen Pollheimer: „Offenbar brüten sie in anderen Horsten. Das ist meiner Erfahrung nach relativ ungewöhnlich, weil Großvögel sehr konservativ sind, an Horsten oft über viele Jahre bauen und sie immer wieder aufsuchen. Trotzdem kann es sein, dass lokal neue Brutplätze angelegt werden bzw. dass die Vögel mehrere Plätze abwechselnd nutzen. Obwohl das Gebiet gut untersucht ist, gibt es immer noch Bereiche, die extrem schwer zugänglich sind. Aus diesem Grund könnten uns diese Brutplätze bislang verborgen geblieben sein.“

Ob erfolgreich gebrütet wurde, lässt sich aber auch in den nächsten Wochen noch feststellen. Bis zum Abflug in die afrikanischen Überwinterungsgebiete gegen Mitte / Ende August werden die Zoologen noch genau Ausschau halten. Nach jungen Schwarzstörchen, die mit ihren auffälligen Bettelflügen ins Auge stechen. Genauso wie mit ihrem Aussehen, das sich noch deutlich von dem ihrer Eltern unterscheidet. Die Erkennungsmerkmale: Ein schmutzig braunes statt intensiv schwarz gefärbtes Gefieder und ein braungrüner statt korallenroter Schnabel.

Wer mit etwas Glück selbst einen Schwarzstorch im Nationalpark Thaytal beobachten möchte, hat am kommenden Sonntag, dem 20. Juli dazu Gelegenheit. Früh morgens, um 7:00 kann man gemeinsam mit Nationalpark-Ranger Christoph Milek in Richtung Umlaufberg wandern, wo die Chancen gut stehen, auf fischende Schwarzstörche zu stoßen. Wer sich das nicht entgehen lassen und mehr über die Lebensweise dieses scheuen Schreitvogels erfahren möchte, kann sich noch bis Samstag für die Veranstaltung anmelden. Sämtliche Infos und Anmeldemodalitäten finden sich hier.

Wer Lust hat, sich selbst auf die Spuren des Schwarzstorches zu begeben, hat dazu am Sonntag, 20. Juli Gelegenheit!

Wer Lust hat, sich selbst auf die Spuren des Schwarzstorches zu begeben, hat dazu am Sonntag, dem 20. Juli Gelegenheit!

Gemeinsam mehr erreichen

Ende November 1989 kam es an der österreichisch-tschechischen Grenze zu einem denkwürdigen Ereignis. Der Eiserne Vorhang, der seit Beginn der Fünfziger Jahre Österreich und Tschechien getrennt hatte, war plötzlich Vergangenheit. Und mit dem Fall des Eisernen Vorhangs schlug die Geburtsstunde des grenzübergreifenden Schutzgebietes.

Der  Národní Park Podyjí besteht seit 1991, im Jahr 2000 folgte die offizielle Eröffnung des österreichischen Nationalparks Thayatal. Zwei Nationalparks mit zwei eigenständigen Verwaltungen – in Österreich ist der Nationalpark eine GesmbH von Bund und Land, in Tschechien eine Dienststelle des Bundesministeriums. Getrennte Einrichtungen, die gemeinsame Ziele verfolgen. Das zeigt sich an den vielen Kooperationen der beiden Schutzgebiete.

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Petr Lazarek vom Nationalpark Podyjí im Gespräch mit Christian Übl, Direktor vom Nationalpark Thayatal.

So werden etwa Managementpläne miteinander abgestimmt, Kontrollgänge im Nationalpark von tschechischen und österreichischen Rangern gemeinsam erledigt oder Landkarten aktualisiert und ausgetauscht. Letzteres ist zum Beispiel dann wichtig, wenn Wege nicht mehr aktiv betreut oder andere neu erschlossen werden.

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Zwei Ranger, aus dem NP Thayatal (links) und dem NP Podyjí (rechts), gehen gemeinsam auf Kontrollgang durch das Schutzgebiet.

Auch gemeinsame EU-Förderprojekte stehen am Programm. So hat man sich in der Vergangenheit u. a. einem Projekt gewidmet, um das Naturraummanagement besser abzustimmen. Experten beider Länder führten dafür umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen in den zwei Schutzgebieten durch. Sie spürten der Kleinsäugerfauna nach, bauten ihre Erkenntnisse über das Vorkommen der Wildkatze aus, widmeten sich Laufkäfern, Vögeln, Reptilien und Fledermäusen.

In vielen Belangen funktioniert die Zusammenarbeit einwandfrei. Aber natürlich kann man nicht immer einer Meinung sein. Ein kritisches Thema ist die Fischerei. Während in Österreich der Nationalpark selber die Vergabe der Fischereilizenzen überhat, ist dafür in Tschechien der Mährische Fischereiverband zuständig. Über die Frage „Wie viel Fischerei ist verträglich?“ wird wohl noch einiges diskutiert werden.

Wie sehen denn die Pläne für die Zusammenarbeit in der Zukunft aus? „Ein infrastrukturelles Highlight wäre die gemeinsame Planung und Umsetzung eines Österreich-Tschechien Rundwanderwegs“, so Christian Übl, Direktor des Nationalpark Thayatal. Spannend wären auch vergleichende Forschungsprojekte: „In puncto Waldrenaturierung unterscheidet sich das Naturraummanagement. Wir lassen die natürliche Vegetation von selbst langsam zurückkommen, im Nationalpark Podyjí wird dagegen gezielt bepflanzt, um den natürlichen Zustand möglichst rasch zu erreichen. Interessant wäre herauszufinden, wie sich diese beiden Ansätze auswirken“, sagt der Nationalparkdirektor, der sich über die guten Kontakte und die freundschaftliche Arbeitsbasis mit den tschechischen Kollegen sehr freut.

Robert Stejskal vom NP Podyjí und Theresia Markut (Wissenschaftlerin und Ranger NP Thayatal)

Robert Stejskal vom NP Podyjí und Theresia Markut, Wissenschaftlerin und Rangerin im NP Thayatal, beim Datenaustausch.

Das gute Verhältnis der beiden Nationalparks zeigt sich auch anhand gemeinsam organisierter Veranstaltungen, mit dem Ziel die Natur des Thayatals unter die Leute zu bringen: „Tu Gutes und rede darüber. Je mehr Leute von unseren Naturschätzen wissen, umso besser können wir die Natur auch schützen“, so die Maxime von Christian Übl.