„Winterblues“ bei den Fledermäusen

Höhlen, Stollen, Bäume, Holzstapel oder auch Gebäude. Sie alle können als Winterquartiere für Fledermäuse dienen. „Im Gebiet des Nationalparks Thayatal sind es vor allem Felshöhlen, Stollen und Keller, die von den Fledermäusen als Überwinterungsort genutzt werden. Interessant ist zudem, dass es auch wandernde Fledermausarten gibt. Die Wasserfledermaus zum Beispiel, die während des Sommers das üppige Insektenbuffet über der Thaya bejagt, sucht – sobald es kalt wird – weit entfernte Winterquartiere auf. Im Schnitt legt sie dabei Distanzen um die 150 Kilometer zurück!”, erklärt die Nationalpark-Biologin Claudia Waitzbauer.

Aber wozu halten Fledermäuse überhaupt Winterschlaf? – Nun, sämtliche heimische Fledermausarten (es gibt 28 in Österreich, davon 20 im NP Thayatal) ernähren sich von Insekten. Die Insektenjagd lohnt sich aber nur bei Temperaturen über zehn Grad Celsius. Darunter nimmt die Insektendichte in der Luft rasant ab. Bei sechs Grad Celsius kommt im Schnitt nur mehr ein Insekt auf einen Kubikmeter Luft! Keine Insekten, kein voller Magen. Die Alternative – zumindest in unseren Breiten – lautet Winterschlaf.

Bereits ab Mitte September suchen die Tiere Orte auf, die sich als Winterquartiere eignen könnten. Der eigentliche Beginn des Winterschlafs hängt jedoch von der Außentemperatur ab. Die längsten Schlafperioden treten in der Regel zwischen Mitte November und Ende Februar auf, wenn die Außentemperaturen nachts unter sechs Grad fallen. Länger als 20 Tage am Stück wird aber selten geschlafen.
Überhaupt ist es kein echter Schlaf (siehe auch Blogbeitrag zu den Siebenschläfern “Schläfst du oder ruhst du”), sondern vielmehr eine Art „Winterlethargie“, der sich die Fledermäuse gewissermaßen ergeben. Ihr Stoffwechsel, ihre Atem- und Herzschlagfrequenz reduzieren sich markant, die Körpertemperatur sinkt solange, bis sie nur mehr ein bis zwei Grad über der Umgebungstemperatur liegt und ihre Blutgefäße verengen sich.

Obwohl auf Sparflamme köchelnd, wird in der “Winterlethargie” trotzdem Energie verbraucht. Deswegen müssen sich Fledermäuse im Herbst entsprechende Fettreserven zulegen. Ungefähr ein Viertel ihres Körpergewichts stocken sie auf. Aber in erster Linie nicht – wie man meinen könnte – am Bauch, sondern zwischen den Schulterblättern. Damit der „Proviant“ über den Winter reicht, braucht es aber auch ein klimatisch geeignetes Winterquartier, das weder zu kalt noch zu warm ist und über eine ausreichend hohe Luftfeuchtigkeit verfügt, um die Tiere vor dem Austrocknen zu bewahren. Ideal sind Orte, die eine Temperatur zwischen sieben und zehn Grad Celsius aufweisen und deren Luftfeuchtigkeit nahe 100 Prozent liegt.

Diese beiden Kleinen Hufeisennasen "hängen" in der Burgruine Kaia ab. Die Fotos sind allerdings nicht im Winter entstanden - wo wir die Tiere nicht stören wollen - sondern im vergangenen August. Untertags halten sich die Fledermäuse in Quartieren auf, nachts fliegen sie aus.

Diese beiden Kleinen Hufeisennasen “hängen” in der Burgruine Kaja “ab”. Die Fotos sind allerdings nicht während des Winterschlafs entstanden – wo wir die Tiere nicht stören wollen – sondern im vergangenen August. Im Sommer halten sich die Fledermäuse untertags ebenfalls in Quartieren auf, nachts fliegen sie dann aus.

Die meiste Energie verpufft jedoch, wenn Fledermäuse während des Winterschlafs gestört werden und dabei erwachen. Während des Winters verbraucht eine Fledermaus innerhalb einer Stunde im Wachzustand ungefähr gleich viel Energie wie in einer ganzen Woche Winterschlaf! Deswegen sollte jede Störung in dieser Zeit unbedingt vermieden werden. Mitte März, Anfang April, wenn die Temperaturen wieder steigen und die Insekten wieder fliegen, endet die „Lethargie“ der Fledermäuse ganz von selber. Dann ist es nämlich Zeit für sie zu erwachen.

Geburtsstation Burgruine Kaja

Ganze 22 Fledermausarten finden sich im Nationalpark Thayatal und seiner nahen Umgebung. „Bei den 28 in Österreich bekannten Arten ist das eine erstaunlich hohe Anzahl an Fledermausarten auf einem verhältnismäßig kleinen Gebiet“, erklärt Guido Reiter, Leiter der Koordinationsstelle für Fledermausschutz und –forschung in Österreich. Als Grund dafür, was die einzigen aktiv fliegenden Säugetiere so attraktiv am Nationalpark finden, nennt er drei Komponenten: „Der naturnahe Wald, das Wasser der Thaya und der Fugnitz und auch die Gebäude eingestreuter Siedlungen, in denen manche Arten Quartiere finden.“

Kleine Hufeisennase in der Burgruine Kaja.

Kleine Hufeisennase in der Burgruine Kaja.

In Kellern oder Stollen verbringen Fledermäuse die kalte Jahreszeit – wenn es an ihrer Nahrung, den Insekten, fehlt. Der Winterschlaf spart nämlich Energie. Aber auch im Sommer beziehen Fledermäuse gerne menschliche Quartiere. Von Mai bis August bringen die Weibchen ihren Nachwuchs in sogenannten Wochenstuben zur Welt. Beliebt dafür sind etwa Dachböden. Oder zum Beispiel die vielen verwinkelten Kammern und Ecken der Burgruine Kaja im NP Thayatal. Hier findet sich alljährlich eine Wochenstube der Kleinen Hufeisennase, die bei einer Kopf-Rumpf-Länge von vier bis sechs Zentimetern und einem Gewicht von maximal zehn Gramm zu den kleinsten Fledermausarten Europas zählt.
Und mit ziemlicher Sicherheit handelt es sich jedes Jahr um die gleichen Weibchen, die in den Winkeln der Burg Unterschlupf suchen. Die Bindung an ein einmal gewähltes Quartier kann nämlich so stark sein, dass die Tiere auch über Jahrzehnte hinweg stets an denselben Ort zurückkehren, um ihre Jungen aufzuziehen!

Burgruine Kaja - Eine beliebte Wochenstube für Kleine Hufeisennasen-Weibchen.

Burgruine Kaja – Eine beliebte Wochenstube für Kleine Hufeisennasen-Weibchen.