Der Kreislauf der Blätter

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Eben noch waren die Bäume in vollster herbstlicher Pracht. Jetzt liegt die bunte Pracht größtenteils am Boden. Wie viele Laubblätter da so zusammenkommen? Geschätzte 25 Millionen Laubblätter fallen in einem Buchenwald pro Hektar an. Das sind etwa 4 Tonnen!
Eine ganze Menge. Wenn ihr erfahren wollt, was mit all den Blättern passiert, welche Armada von Waldlebewesen sich über das frisch angerichtete Mahl hermacht und wie die Blätter letztlich enden, dann klickt Euch in diesen NP Thayatal Blogbeitrag rein, wo die Kleinen die Größten sind.

 

Mystisches Thayatal

Die Tage werden kürzer, die Nächte länger und das Waldviertel wieder einen Tick mystischer. Woran das liegt, vor allem an den „Wolken mit Bodenkontakt“.

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Wie entstehen diese? Der Boden kühlt im Herbst allmählich aus. Wenn tagsüber die Sonne scheint, erhitzt sich die Luft allerdings noch beträchtlich. Bei Sonnenuntergang rasseln die Luftemperaturen dann wieder in den Keller, der kalte Boden beschleunigt diesen Prozess. Und bei der Abkühlung passiert die Magie: Überschüssiges Wasser kondensiert, wird flüssig und für uns als schleierhafter Nebel sichtbar. Wer mehr darüber erfahren möchte, wird hier fündig: “Wolken mit Bodenkontakt”

Der Weg der “gefallenen Blätter”

Wer im November durch einen Laubwald wie jenen im Nationalpark Thayatal wandert,  wird begleitet von einem lauten Rauschen und Rascheln. Mit jedem Schritt wirbelt man das Blättermeer, das nun nicht mehr auf den Bäumen, sondern unter ihnen liegt, durcheinander.

Alle Jahre wieder landen Abertausende Blätter in den Laubwäldern des Nationalparks Thayatal auf dem Waldboden.

Alle Jahre wieder landen Abertausende Blätter in den Laubwäldern des Nationalparks Thayatal auf dem Waldboden.

Warum versinkt der Wald nicht im Herbstlaub?
Ein intensives Geräuscherlebnis, das zum Nachdenken anregt. Denn, wie kann es sein, dass die Wälder nicht in ihren Blattmassen untergehen? – Wenn man bedenkt, dass eine 100-jährige Buche über den Daumen gerechnet eine halbe Million Blätter im Herbst abwirft und eine Laubschicht von fünf bis zehn Zentimetern Dicke anwachsen lässt.
In einem Buchenwald in Deutschland haben sich Wissenschaftler sogar die Mühe gemacht, das anfallende Laub, die Knospenschuppen, Früchte, Zweige und Äste auf einem Hektar Wald abzuwiegen. Das Ergebnis war rund vier Tonnen schwer, Trockengewicht wohlgemerkt.

Noch hängen die Blätter unversehrt an den Ästen, sobald sie jedoch den Waldboden berühren, beginnt eine unaufhaltbare Zersetzungs-Maschinerie.

Noch hängen die Blätter unversehrt an den Ästen, sobald sie jedoch den Waldboden berühren, beginnt eine unaufhaltbare Zersetzungs-Maschinerie.

Fragt sich nur, wohin verschwindet das viele Laub bzw. fachmännisch ausgedrückt, die Laubstreu? Definieren wir zunächst einmal, was mit Laubstreu gemeint ist, es handelt sich dabei um „eine lockere Decke aus äußerlich noch unverändertem oder nur wenig verändertem Laub“. Aber das bleibt nicht lange so, denn sobald die Blätter den Boden berühren, setzt sich eine Zersetzungs-Maschinerie in Gang. Und sobald man ein bisschen tiefer in die Laubstreu hineinblickt, sieht man auch, was den frisch gefallenen Blättern demnächst blüht. Weiter unten nämlich zeigen sich die „gefallenen Blätter“ schon deutlich verändert, gebrandmarkt von Fraßspuren und Löchern, aufgespeist bis auf das Blattgerippe.

Vom intakten Blatt zum klapprigen Skelett
Aber der Reihe nach. Wenn ein Herbstblatt zu Boden segelt, wird es dort von einer illustren Schar von Mikroorganismen erwartet, die schnurstracks damit beginnen, die oberste Zellschicht des Blattes, die Epidermis, aufzuschließen. – Feuchte Witterung und ein entsprechender Wasserfilm rund ums Blatt kommt ihnen dabei sehr gelegen.
In der nächsten Zersetzungsphase treten Springschwänze, Rindenläuse und Hornmilben auf den Plan. Sie fressen Löcher in die Epidermis der Blattunterseite. Zweiflüglerlarven beteiligen sich in der Folge am Fensterfraß, vergrößern die Löcher und setzen dem Blatt nun auch an dessen Rändern zu.
Mit fortschreitendem Zernagungsgrad wird die Anzahl der Buffetgäste immer größer. Auch Ohrwürmer, Asseln, Schnecken, Schnurfüßer, Saftkugler, Borstenwürmer und Milben gesellen sich hinzu. Alle zusammen schmausen sie nicht nur, sondern bilden auch Kot, der wiederum von Kleinstlebewesen zersetzt wird. Die Regenwürmer sorgen schließlich dafür, dass die Blattüberreste von oberhalb der Erde nach innen gelangen, mit Mineralteilchen verschmischt und in den Boden eingearbeitet werden.

Je nachdem wie hart oder weich die Blätter sind und wie viel Stickstoff sie enthalten, läuft die Zersetzung unterschiedlich schnell ab.

Je nachdem wie hart oder weich die Blätter sind und wie viel Stickstoff sie enthalten, läuft die Zersetzung unterschiedlich schnell ab.

Wie lange dauert die Zersetzung?
Je nach Blattart kann der Zersetzungsprozess unterschiedlich lange dauern. Weiche Blätter werden rascher abgebaut als harte und solche, die besonders viel Stickstoff enthalten – wertvoller Dünger für den Boden! – werden von den Bodenorganismen in die schnellere „Abfertigungsspur“ aufgenommen. Rascher geht es etwa bei Erle, Esche und Ulme, ihre Blätter sind bereits im Folgesommer zersetzt. Hainbuchenblätter brauchen etwa eineinhalb Jahre, das härtere Eichenlaub zweieinhalb Jahre und Buchenblätter meist drei Jahre.

Hitze verlangsamt Zersetzung
Ohne die Arbeit der emsigen Bodenbewohner wären all diese Prozesse undenkbar. Biologen aus den USA haben allerdings herausgefunden, dass klimatische Veränderungen für Aufruhr in der Laubstreu sorgen könnten. Anhand des Rot-Ahorns stellten sie fest, dass die Bäume bei heißerem und trockenerem Wetter vermehrt Gerbstoffe, die in der Regel zur Schädlingsabwehr dienen, produzieren. Fällt dieses gerbstoffreiche Laub zu Boden, wirkt es hemmend auf die Mikroorganismen, was wiederum den Zersetzungsprozess verlangsamt.
Ob das auch auf Buche, Eiche und Co. zutrifft bzw. inwiefern die Böden der möglicherweise wärmeren Zukunft dadurch tatsächlich nährstoffärmer werden, steht noch in den Sternen. Feststeht, dass ein Spaziergang durch den spätherbstlichen Wald nicht nur ein Geräuscherlebnis ist, sondern auch ganz schön lehrreich ist :)

Wolken mit Bodenkontakt

Rot, gelb und orange strahlen die Blätter von Buche, Eiche, Ahorn & Co. um die Wette, die Lufttemperaturen sinken, das Wasser der Thaya erscheint dunkler als sonst und immer öfter hüllt ein milchiger Schleier die Landschaft ein. Selbst wenn die Sonne hie und da die Oberhand behält, mit der Herbstzeit beginnt die Nebelzeit. Auch im Nationalpark Thayatal, wo die für das Waldviertel so typischen bodennahen Wolken für eine mystische Stimmung sorgen.

     Aucb im Thayatal ziehen im Herbst die Nebel durch die bunten Wälder.

Auch im Thayatal ziehen im Herbst die Nebel durch die bunten Wälder.

Das heute gebräuchliche Wort „Nebel“ geht zurück auf das Griechische nephele, und das bedeutet so viel wie Wolke. Doch wie entstehen die „Wolken mit Bodenkontakt“ eigentlich?
Die Nächte im Herbst sind nicht nur länger, sondern auch kälter. Der Boden kühlt – durch verstärkte Wärmeabstrahlung – allmählich aus. Wenn tagsüber die Sonne scheint, erhitzt sich die Luft allerdings noch beträchtlich. Sobald der Feuerball untergeht, rasseln die Lufttemperaturen dann wieder nach unten. Zusätzlich beschleunigt wird dies durch den kalten Boden.
Wer kennt das nicht? – In der prallen Sonne kommt man selbst im Herbst noch ins Schwitzen, kaum aber schiebt sich eine Wolke vor oder neigt sich der Tag zu Ende, ist die Gänsehaut auch schon zur Stelle und der Pulli Pflicht.

Entscheidend für die Entstehung von Nebel ist die Tatsache, dass sich mit der Temperaturveränderung der Luft auch die Kapazität Wasser zu halten, verändert. Was heißt das? – Ganz einfach: Warme Luft kann sehr viel mehr Wasser aufnehmen als kalte. Kühlt Luft ab, muss sie unweigerlich – früher oder später – etwas von ihrem gasförmigen Wasser abgeben. Wann passiert das? Sobald der Taupunkt unterschritten ist. Der Taupunkt, ist jener Punkt, an dem die Luft maximal mit Wasserdampf gesättigt ist. Kühlt sich die Luft unter diese magische Marke ab, kondensiert das überschüssige Wasser, es wird flüssig und für uns als Nebel sichtbar. An feinsten Staubkörnchen in der Luft lagert sich das Wasser an und bildet – je nach Menge – einen mehr oder weniger dichten Schleier.

Je nachdem, wie viel Wasser kondensiert, präsentiert sich die Nebelschicht mehr oder weniger dicht.

Je nachdem, wie viel Wasser kondensiert, präsentiert sich die Nebelschicht mehr oder weniger dicht.

Wo kommt das im Herbst häufig vor?
Vor allem in Tälern und Senken. Wenn der neue Tag anbricht, lassen die Sonnenstrahlen den Nebel meist rasch verschwinden, sprich verdunsten. Man kann regelrecht dabei zusehen, wie es den Wasserdampf „aus der Luft saugt“, sobald die Sonnenstrahlen eine gewisse Stärke erreicht haben. Weg ist der Wasserdampf freilich nicht, sondern – wie wir erfahren haben – gespeichert in der wärmeren Luft. Bereit für eine neue Nebel-Runde, sobald die Temperaturen wieder sinken.

Was begünstigt also die Nebelentstehung im Herbst?
Klare, kalte Nächte mit geringer Bewölkung und wenig Wind sind ideale Voraussetzungen. Starker Wind kann den Nebel dagegen „ausputzen“.

Und warum hält sich der Nebel mitunter richtig hartnäckig?
Die kurze Tageslänge im Winterhalbjahr reicht nicht immer aus, um die bodennahen Luftschichten intensiv genug zu erwärmen und / oder der Wind bläst zu schwach. Der Rekord im Waldviertel liegt bei 109 „undurchsichtigen“ Tagen.

Der Nebelrekord im Waldviertel beträgt 109 "undurchsichtige" Tage in Folge.

Der Nebelrekord im Waldviertel beträgt 109 “undurchsichtige” Tage in Folge.

Dass auch diese ihren Reiz haben, zeigen die mystisch, nebelverhangenen Thayatal-Wälder. Buntes Laub, kondensierte Wasserschwaden in der Luft und hie und da ein Sonnenblitzer, das macht ein Thayatal-Herbsterlebnis perfekt.

Bunte Lockmittel

Wenn es in Richtung Herbst geht, stellt sich nicht nur bei den Blättern viel Farbe ein, sondern auch bei den Früchten. Während bei den Blättern die Farbe eigentlich keine wesentliche Funktion hat, weil lediglich ein Nebenprodukt des Chlorophyll (= Blattgrün) -Abbaus, verfolgen die Früchte durchaus eine Strategie. Wenn sie denken könnten, wäre ihre Mutmaßung: „Im Frühling klappt das mit den bunten Blüten, dann muss das doch jetzt auch funktionieren!“

Und sie haben recht. So wie etwa der Spindelstrauch oder – viel besser zu merken – das Pfaffenhütchen. Genau, der Name kommt von der Ähnlichkeit mit so mancher Kopfbedeckung geistlicher Würdenträger und spielt auf die auffälligen purpurrosa Kapseln an, die sich aus den davor recht unscheinbaren grün-weißlichen Blüten des Pfaffenhütchens entwickelt haben.
In der Kapsel verbergen sich ein bis vier Samen. Wobei „verbergen“ nicht so wirklich der richtige Ausdruck ist. Denn die Samen hängen an verlängerten Stielchen aus der Kapsel heraus und mit ihrem fleischigen, auffällig orange gefärbten Samenmantel, betreiben sie alles andere als Understatement. „Hier sind wir!“, schreien sie bunt in den Wald.

Aus der purpurrosa Kapsel hängen sie verführerisch heraus. Ein bis vier Samen, jeweils umgeben von einem fleischigen, orange leuchtenden Samenmantel machen Rotkehlchen, Drosseln und Co. auf sich aufmerksam.

Aus der purpurrosa Kapsel hängen sie verführerisch heraus. Ein bis vier Samen, jeweils umgeben von einem fleischigen, orange leuchtenden Samenmantel machen Rotkehlchen, Drosseln und Co. auf sich aufmerksam.

Und es dauert nicht lange, bis sich die ersten Gäste einfinden. Rotkehlchen und Drosseln beispielsweise haben es auf den leckeren Samenmantel abgesehen. Den Samen selber fressen sie nicht, der fällt zu Boden und liegt erst mal ab. Denn frühestens nach drei bis vier Jahren keimt er aus. Aber dank seines bunten Samenmantels hat er überhaupt erst die Gelegenheit dazu!

PS: So schön die Pflanze auch leuchtet, für Menschen ist sie nicht empfehlenswert. Alle Teile des Pfaffenhütchens, vor allem die Samen, sind für uns giftig. Aber schauen schadet nicht :)

Mystisches Thayatal

Der Nebel im Waldviertel, das ist wahrlich ein eigenes Kapitel. Für all jene, die damit nicht so vertraut sind, hier eine kleine Nachhilfestunde.
Wenn’s im Waldviertel Bodennebel gibt, dann kann der sich mitunter lange halten. Nationalparkförster Wolfgang Riener (siehe auch sein Kommentar zum Totholz “Warum schaut’s bei Euch unaufgeräumt aus”) hat uns den Waldviertler Nebelrekord verraten: 109 Tage in Folge ohne einen Sonnenblinzler, dafür aber fehlte es nicht an Feuchtigkeit ;)
Wahre Naturliebhaber schreckt das aber keineswegs ab, denn so ein Nebeltag im Herbst sorgt für eine ganz spezielle, mystische Stimmung.
Direkt oberhalb der Thaya, übrigens, hält sich im Herbst / Winter meist kein Nebel, weil das Wasser der Thaya wärmer als die Umgebungsluft ist. Erst weiter oben umgibt einen der milchig, weiße Schleier.

Herbstliche Rückholaktionen & kollektives Loslassen

Wo kommen eigentlich die satten Gelb, die vielen Braun-, Orange- und teilweise auch strahlenden Rottöne der Laubblätter her?
Nun, Laubbäume, wie Eichen, Buchen, Ahorn, Elsbeere und Co. müssen jedes Jahr fast alles loslassen, was sie haben. Alle mühsam hergestellten Blätter des Frühjahres, flattern in den herbstlichen Windböen zu Boden. Ganz einfach deswegen, weil die Bäume mit den Blättern den Winter nicht überleben würden. Würde eine Rotbuche an ihren Blättern festhalten, stünde es schlecht um sie: Tod durch Erfrieren oder Verdursten wäre die Folge. Denn über die Blattoberfläche wird jede Menge Wasser verdunstet, Wasser, das den Bäumen im Winter nicht zugänglich ist, denn der Boden ist gefroren.
Deswegen weg mit den Blättern.
Aber damit nicht kostbare Nährstoffe vergeudet werden, kommt die Farbe ins Spiel. Das Blattgrün, das sogenannte Chlorophyll, womit die Bäume Photosynthese betreiben (die als “Abfallprodukt” Sauerstoff “für uns” generiert), enthält wertvolle Rohstoffe, wie zum Beispiel Stickstoff. Den gilt es über den Winter zu bringen! Also wird das Chlorophyll kurzerhand aus den Blättern abgebaut und in den schützenden Stamm und die Wurzeln verfrachtet, wo es für den neuerlichen Laubaustrieb im nächsten Frühjahr bereitsteht.
Die bunten Farben sind ein nettes Nebenprodukt dieser “Rückholaktion”. Orange, gelbe und rote Farbstoffe, wie Carotine, haben nun – da das Chlorophyll weg ist -  ihren großen Auftritt. Einmal im Jahr für ein paar Wochen.
Wer’s rundum bunt liebt, ist am morgigen Nationalfeiertag im Nationalpark Thayatal punktrichtig.
Das Motto lautet HERBSTWANDERN, wer sich das nicht entgehen lassen will, hier gibt’s sämtliche Infos: http://www.np-thayatal.at/de/pages/events_detail.aspx?id=58

Und ein kleiner Vorgeschmack auf die Farbpracht, die euch erwartet: