Das Auf und Ab der Thaya

6,5 Kilometer Luftlinie von Hardegg entfernt, im angrenzenden Tschechien, liegt das Speicherkraftwerk Vranov (in Frain an der Thaya). Zwischen 1933 und 1934 errichtet – lange vor der Gründung des Nationalparks Thayatal – liefert es auch heute noch Strom. Nationalpark und ansässige Tierwelt müssen damit klarkommen.

Was sind die Herausforderungen mit einem Wasserkraftwerk vor der Haustüre?
Das Kraftwerk regelt den Wasserfluss der Thaya. Jeden Tag – zu Zeiten des Spitzenstromverbrauchs – steigt der Mindestdurchfluss von 2 bis 4 m³/Sekunde auf beträchtliche 30 bis 45 m³/Sekunde an!
Innerhalb kurzer Zeit steigen die Fließgeschwindigkeit und der Wasserpegel der Thaya deutlich. Überzeugt euch selbst davon in diesem Video:

Was bewirken diese Pegelschwankungen?

Schotterauswaschungen durch den Schwallbetrieb führen dazu, dass Bachforellen und andere Fische, die ihren Laich an schottrig, kiesigen Stellen ablegen, nicht mehr genügend Laichplätze finden. Leider wird auch kein Schotter nachgeliefert, das verhindert die Staumauer des Kraftwerks.
Auch die Wassertemperatur stellt viele Fische vor Probleme. In Frain wird 4 Grad Celsius kaltes Tiefenwasser abgelassen, im Schnitt ist das Wasser der Thaya im Sommer deshalb nur zwischen 10 und 15 Grad „warm“.
Und im Winter wirkt sich der Schwallbetrieb dahingehend aus, dass die Thaya – im Gegensatz zu umliegenden Gewässern – in der Regel nicht zufriert. Deshalb ist sie bei Enten, Schwänen, Graureihern, Kormoranen und mitunter auch dem Seeadler als Winterquartier sehr beliebt.

Bachforellen für die Thaya

Seit 2008 wird bereits nachgezüchtet. Jetzt ist es endlich soweit: Die ersten Bachforellen dürfen im Nationalpark Thayatal ins kalte Nass springen!

Fischzüchter Michael Gallowitsch und Nationalpark Direktor Ludwig Schleritzko beim Besetzen der Thaya mit nachgezüchteten Bachforellen.

Fischzüchter Michael Gallowitsch (hinten) und Nationalpark Direktor Ludwig Schleritzko beim Besetzen der Thaya mit nachgezüchteten Bachforellen.

Eigentlich war dieser Abschnitt der Thaya ursprünglich eine Barbenregion mit 35 verschiedenen Fischarten. Durch den Bau der tschechischen Wasserkraftwerke Frain/Vranov 1934 und Znaim/Znojmo 1966 wurden 40 Flusskilometer, die ab dem Jahr 2000 unter den Fittichen des Nationalparks standen, vom restlichen Fluss abgeschnitten. Da Fischaufstiegshilfen bis heute fehlen und der Kraftwerksbetrieb u. a. Wasserstand und -temperatur verändert sowie die Hochwasserdynamik unterbindet, hat sich die Artenzusammensetzung des Flusses stark geändert. Aktuell dürften noch neun Fischarten vorkommen, darunter auch die neue Leitfischart dieses Thaya-Abschnittes, die Bachforelle (Salmo trutta fario). Der zu den Salmoniden zählende Raubfisch ist übrigens auch für Laien leicht erkennbar: An den Flanken finden sich zahlreiche rote Flecken mit heller Umrandung.

Bachforellen

Bachforellen sind gut an ihren roten Flecken mit heller Umrandung erkennbar.

Um der Bachforelle Schützenhilfe zu geben, hat sich der Nationalpark zu einem Zuchtprojekt entschlossen. 2008 wurden dafür die ersten 37 Bachforellen aus dem Kleinen Kamp im Waldviertel gefischt. Sie waren der Startschuss für den Aufbau eines sogenannten Mutterfischstammes für den Nationalpark.
Aber nicht alle zwischen 2008 und 2011 gefangenen Fische kamen dafür infrage. Sie mussten schon die richtige genetische „Ausrüstung“ im Gepäck haben. Nur Bachforellen mit einem Donau-stämmigen Erbgut wurden ins Zuchtprogramm aufgenommen. Atlantik-stämmige Bachforellen, die immer wieder in unseren Flüssen auftauchen, schieden aus. Letztere sind freilich nicht selbst eingewandert, sondern gezielt besetzt worden. Auch in der Zeit vor der Gründung des NP Thayatals war es üblich, standortsfremde Besatzfische in die Thaya einzubringen.

Doch damit ist jetzt Schluss. „Wir wollen jene Population wieder in der Thaya heimisch machen, die hier genetisch verwurzelt ist“, sagt Nationalpark-Mitarbeiter Christian Übl. Und damit dies gelingt, wurden im Juni eine ganze Menge Jungfische in der Thaya besetzt. 10.000 bis 15.000 sogenannte 0+ Fische, also solche die noch keinen Sommer erlebt haben und heuer geschlüpft sind, wurden genauso freigelassen wie rund 1.500 bis 2.000 im Vorjahr geschlüpfte 1+ Fische. Die „heurigen Fische“ sind zum Zeitpunkt der Freilassung etwa sieben Zentimeter groß, die 1+ Generation erreicht schon um die 15 bis 17 Zentimeter. Je nach Nahrungsangebot können Bachforellen in der Regel zwischen 20 und 80 Zentimeter groß werden. In der Thaya wurden bereits Bachforellen mit einem Brittelmaß (Länge von der Kopf- zur Schwanzspitze) von 65 Zentimetern gefangen.

Freilich können sich die neu besetzten Donau-stämmigen Fische auch mit den Atlantik-stämmigen kreuzen. „Die Atlantik-stämmigen Bachforellen zeigen sich allerdings weniger fortpflanzungsfreudig. Es ist daher zu erwarten, dass sich die ortsangepassten erfolgreicher fortpflanzen und sich mit der Zeit der genetische Bestand von Atlantik- in Richtung Donau-stämmig verschiebt“, ergänzt Christian Übl.