CSI Wildkatze

Vor kurzem gab es wieder Grund zur Freude an der Wildkatzen-Front. Das DNA-Labor des Forschungsinstituts Senckenberg in Deutschland lieferte zwei neue Nachweise, einen im Tiroler Paznauntal und einen weiteren im Nationalpark Thayatal. Der NP-Thayatal ist ja gewissermaßen die „Wiege der Wildkatze“ (siehe dazu auch ein brandneues 2-minütiges Video!). Zur Erinnerung: 2007 gelang es die bis dahin in Österreich für ausgestorben geglaubte Waldbewohnerin hier wiederzuentdecken.

Die scheue Wildkatze eindeutig nachzuweisen, ist ein schwieriges Unterfangen. Wildkatzen-Experte Christian Übl: „An morphologischen Merkmalen und Fotobelegen beißen sich sogar Experten die Zähne aus. Getigerte Hauskatzen können Wildkatzen mitunter zum Verwechseln ähnlich sehen. Deswegen kommen ‚CSI-Methoden‘ zum Einsatz, denn mittels genetischer Tests – basierend auf gesammelten Haarproben – ist die eindeutige Bestimmung der Tierart relativ einfach möglich.“

Die genetische Untersuchung der gesammelten Haarproben erfolgt im Forschungsinstitut Senckenberg in Deutschland.

Die genetische Untersuchung der gesammelten Haarproben erfolgt im Forschungsinstitut Senckenberg in Deutschland.

Die Haare haben die Wildkatzen sozusagen „freiwillig“ an mit Baldrian präparierten Lockstöcken abgegeben. Die Hoffnung der Forscher ist stets, dass möglichst viele Haare an den rauen Holzpflöcken hängen bleiben. Im Vergleich zu Blut- und Gewebeproben enthalten Haare nämlich weit weniger DNA, also Desoxyribonukleinsäure bzw. Erbinformation. Je mehr Haare für die Untersuchung zur Verfügung stehen – im Idealfall mit Haarwurzeln, da diese besonders viel DNA enthalten – umso besser also. Entscheidend ist zudem, dass die Haare möglichst rasch eingesammelt werden, denn Licht, hohe Temperaturen und Feuchtigkeit können die Haarproben unbrauchbar machen.

Mit Baldrian präparierte Lockstöcke wirken auf viele Tiere, darunter Wildkatzen, unwiderstehlich. Reiben sie sich an den Holzpflöcken, bleiben einige ihrer Haare hängen. Je meer Haare gesammelt werden können, umso besser für die genetische Analyse.

Mit Baldrian präparierte Lockstöcke wirken auf viele Tiere, darunter Wildkatzen, unwiderstehlich. Reiben sie sich an den Holzpflöcken, bleiben einige ihrer Haare hängen. Je meer Haare gesammelt werden können, umso besser für die genetische Analyse.

Abhängig von der Anzahl der Haare, die die potenzielle Wildkatze „gespendet“ hat, lassen sich zwei unterschiedliche DNA-Analysen durchführen, eine Untersuchung basierend auf Kern-DNA und eine basierend auf mitochondrialer DNA.
Doch bevor wir diese ein wenig genauer beleuchten, gibt’s einen Mikroexkurs in die tierische Zelle. Die DNA ist nicht diffus über die ganze Zelle verteilt, sondern gut verpackt. Der Hauptsitz der DNA befindet sich im Zellkern. Es gibt aber noch einen anderen Ort in der Zelle, wo Erbinformationen anzutreffen sind, und zwar in den Mitochondrien, den „Kraftwerken“ der Zellen. Sie generieren die Energie für sämtliche in der Zelle ablaufenden Prozesse und – wichtig für die DNA-Analyse – sie sind in großer Anzahl vorhanden.

Im Inneren einer Zelle gibt es eine Vielzahl an Zellorganellen. Darunter die Mitochondrien. Die kleinen "Kraftwerke" stellen die notwendige Energie für sämtliche Aktivitäten der Zelle her. Außerdem enthalten sie auch Erbinformation, die ansonsten nur im Zellkern gespeichert ist.

Im Inneren einer Zelle gibt es eine Vielzahl an Zellorganellen. Darunter die Mitochondrien. Die kleinen “Kraftwerke” stellen die notwendige Energie für sämtliche Aktivitäten der Zelle her. Außerdem enthalten sie auch Erbinformation, die ansonsten nur im Zellkern gespeichert ist.

Aus genau diesem Grund genügen für die Untersuchung basierend auf mitochondrialer DNA bereits ein oder zwei Haare. Die Erbinformation wird zunächst aus dem Zellverband herausgelöst, danach werden bestimmte Abschnitte verfielfältigt und schließlich mit DNA-Sequenzen bekannter Proben abgeglichen. Mit dieser Methode lässt sich die Haarprobe bis auf Artniveau bestimmen und die Frage „Wildkatze ja oder nein?“ beantworten.
Einen kleinen Nachteil hat die Methode jedoch: Da mitochondriale DNA ausschließlich von der Mutter an den Nachwuchs vererbt wird, werden Hybride, also Kreuzungen aus Wildkatze und Hauskatze, nur dann als Wildkatze erkannt, wenn es sich bei der Mutter um eine Wildkatze gehandelt hat. Stammt der Wildkatzenanteil vom Vater (Mutter = Hauskatze) fällt der Test negativ aus.

Nutzt man für die genetische Untersuchung Kern-DNA lässt sich dieses Manko ausbügeln. Allerdings braucht es dafür auch wesentlich mehr Haare, mindestens fünf Stück sind notwendig, um die entprechenden Kern-DNA Tests, die auch wesentlich kostspieliger sind, durchzuführen.
Konkret werden dafür sogenannte Mikrosatelliten untersucht, das sind kurze Teile des DNA-Strangs, die sich oft hintereinander wiederholen. Die Anzahl der Wiederholungen ist von Individuum zu Individuum unterschiedlich. Deshalb ermöglicht die Kern-DNA nicht nur die Bestimmung auf Artniveau, sondern auch die Bestimmung des Geschlechts und einzelner Individuen!

Die auf Kern-DNA basierende Analyse ermöglicht nicht nur die Bestimmung auf Artniveau, sondern auch die Bestimmung des Geschlechts und einzelner Individuen.

Die auf Kern-DNA basierende Analyse ermöglicht nicht nur die Bestimmung auf Artniveau, sondern auch die Bestimmung des Geschlechts und einzelner Individuen.

In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass die Wildkatzen mit ihren Haarspenden auch in Zukunft großzügig sind und die Forschungsgelder weiterhin fließen. Nur so können wir Österreichs wohl scheuester Bewohnerin weiterhin auf der Schliche bleiben.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>