An der Grenze

Aufgeweichter Waldboden, glitschige Blätter, rutschige Äste. Der viele Regen hat dafür gesorgt, dass wir uns besonders aufmerksam fortbewegen müssen.
Wir wandern durch einen urwüchsigen Wald. Ein Wald, der sich über die letzten Jahrzehnte selbst entfalten durfte, im Osten des Nationalpark Podyjí. Unter dem Motto „Junges Leben am Eisernen Vorhang“ begaben sich Österreicher und Tschechen letzten Sonntag gemeinsam auf Spurensuche entlang des ehemaligen Verlaufs des Eisernen Vorhangs.
Wir erkundeten dabei Wege, die normalerweise für Besucher gesperrt sind und die sich eigentlich gar nicht mehr als richtige Wege qualifizieren. Aber genau das ist auch gut so. Die Natur arbeitet sich hier, wo der Eiserne Vorhang einst verlief, sukzessive wieder zurück.

Gruppenfoto an einer Stelle, wo einst der Eiserne Vorhang verlief.

Gruppenfoto an einer Stelle, wo einst der Eiserne Vorhang verlief.

Mehr als 7.000 Kilometer war er lang, eine gigantische Trennlinie, die sich von Skandinavien bis zum Schwarzen Meer erstreckte und Europa teilte. Für die Menschen, die nahe der Grenze lebten, war es als endete hier die Welt.
Christian Übl, Mitarbeiter des Nationalpark Thayatal erinnert sich: „Früher hab‘ ich oft gehört ‚In Hardegg ist die Welt aus‘.“ In der Tat war fast 40 Jahre lang an der tschechischen Grenze Endstation. „Wir fürchteten uns vor den bewaffneten Soldaten, die auf der tschechischen Seite patrouillierten. Das wirkte alles sehr bedrohlich auf uns“, denkt Christian Übl zurück und ergänzt: „Umso mehr freute es uns, als wir nach dem Fall des Vorhangs endlich unsere unmittelbaren Nachbarn kennenlernen konnten“.

Petr Lazarek (links), Mitarbeiter des Národní park Podyjí, und Christian Übl vom Nationalpark Thayatal freuen sich über die gute Zusammenarbeit zwischen den Österreichern und Tschechen.

Petr Lazarek (links), Mitarbeiter des Národní park Podyjí, und Christian Übl vom Nationalpark Thayatal freuen sich über die gute Zusammenarbeit zwischen den Österreichern und Tschechen.

Heute verbinden die Tschechen und Österreicher nicht nur viele Freundschaften, sondern auch der grenzüberschreitende Naturschutz. Und von der „alten Welt“ sind nur noch Reste zu finden, die wir bei der Exkursion auch aufstöberten. „Diesen Abschnitt des Zaunes haben wir erst vor wenigen Jahren entdeckt“, erklärt Petr Lazarek, ein Mitarbeiter des NP Podyjí. Wir überqueren einen Blockhaldenhang, um an das Stückchen Vergangenheit zu gelangen. Hier ist der Zaun – wenn auch schon recht verwittert – stehen geblieben. An anderen, leichter zugänglichen Stellen, wurde der Zaun bereits gänzlich abgebaut. Dort erinnert nur noch eine schmale unbewachsene Stelle an den einstigen Verlauf, rings herum, sprießen schon jugendliche Laubbäume. Irgendwann werden auch die letzten Spuren verschwunden sein. Sind wir in Tschechien oder in Österreich? Wir sind im grenzüberschreitenden Nationalpark!

Sukzessive wird der liegen gebliebene alte Zaun auf dem Blockhaldenhang wieder überwuchert. Die Natur arbeitet sich zurück.

Sukzessive wird der liegen gebliebene alte Zaun auf dem Blockhaldenhang wieder überwuchert. Die Natur arbeitet sich zurück.

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